Freistadt

Ein kleiner Mann, der dem deutschen Boxsport Großes gab, ist nicht mehr. Hans Freistadt, Amateur-Europameister 1965 im Fliegengewicht, starb drei Monate nach seinem 74. Geburtstag. Für 200 Kämpfe stand er im Ring, verließ ihn bei elf Niederlagen und  vier Unentschieden 185 mal als Sieger.

Gekämpft hat Hans Freistadt, den sie in seiner Kindheit im heute kroatischen Vinkovci Ivo riefen und der 1960 mit Mutter und Geschwistern nach Deutschland kam, sein Leben lang. Im Ring und gegen Widerwärtigkeiten des Daseins überhaupt. Der Titel seines ersten Buches ist beziehungsvoll:“… bei acht musst du stehen“. Er selbst sagte über sich: „Ich war und bin ein Kämpfer“.

Der Deutsche Boxsport-Verband hatte dem späteren Wirt der Vogelpark-Gaststätte in Böhl-Iggelheim zwar einiges an Ansehen zu verdanken, doch frühere Funktionäre dankten es ihm nicht mit einer olympischen Nominierung. 1964 in Schwerin gab die Sportpolitik den Ausschlag, als statt ihm der DDR-Vizemeister Otto Babiasch nach Tokio fliegen durfte. Freistadt war dennoch vor Ort: Auf Vermittlung des Oppauer Kunstturn-Stars Philipp Fürst konnte er mit der Deutschen Sportjugend ins Land des Lächelns fliegen.

Acht Jahre später – 1972 wurden die Olympischen Spiele in München ausgetragen – „hat mich der Bundestrainer Dieter Wemhöner reingelegt“ kränkte sich Hans Freistadt noch vor ein paar Jahren. Der Berliner Wemhöner nominierte statt dessen einen Berliner, den Freistadt in der Qualifikation unterlegenen Gerd Schubert.

Den sportlichen Umgang mit den Fäusten erlernte Freistadt 1962 beim ESV Ludwigshafen, wechselte dann zum Boxring Ludwigshafen. Später ging er zum AV 03, dann zum 1. BC Speyer. In den späten 1970-ern stieg er aus dem Ring. Viel später, mit 57, trat er in Mosbach/Odenwald je zwei Minuten lang gegen vier junge Boxer an. „Das habe ich gemacht, damit ich zeigen konnte, was ein alter Mann noch drauf haben, wenn er bereit ist zu kämpfen“, kommentierte er.

Beruflich hat sich Hans Freistadt neben Stationen als Gastwirt in Waldsee, Speyer, Ludwigshafen im Wald-Vogelpark von Iggelheim ein zweites Standbein geschaffen. Solo oder im Duett mit seiner Frau Zora als Sänger von Liedern mit Eigentexten mit Engagements in Deutschland, Frankreich, Belgien, den Niederlanden und in der Türkei (Antalya) und als Mitproduzent von über 20 CD’s mit eigenen Songs.

Hans Freistadt größte Boxerfolge: Deutscher Junioren-Meister 1962, 1963; Deutscher Senioren-Meister (Fliegengewicht) 1964, 1965, 1967, 1970, 1972; Europameister 1965 (nach Siegen über Ucar/Türkei, Humm/England und McCluskey/Irland im Endkampf gegen Hubert Skrzypczak/Polen); 15 Länderkämpfe; drei Europameisterschaften. /wk